10 Jahre Berggeschwister
Im Juni sind zehn Jahre seit dem ersten Beitrag vergangen. Und eines ist sicher: Ich bin unfassbar dankbar, diese Plattform zu haben und meine Gedanken hier teilen zu können. Zu sehen, wie sie dich erreichen. Zu hören, wie ein Beitrag geholfen oder unterhalten hat. Wie er jemanden abgeholt oder etwas gelöst hat. Wie sich, zusammen mit meinem Instagram-Kanal, eine Gemeinschaft gefunden hat.
Denn es ist nicht nur so, dass sich Berggeschwister in diesen zehn Jahren entwickelt hat. Vor allem habe ich mich entwickelt.
Ich muss zugeben, der Umbau hat etwas länger gedauert, als ich geplant hatte. Erst wollte ich nur das Banner und meine Farben anpassen. Dann das Theme generell. Und dann lag da vor mir auf einmal die Chance, Berggeschwister auf den Stand zu bringen, auf dem ich eigentlich gerade bin. Denn ich habe mich definitiv weiterentwickelt.
Angefangen habe ich als Mama einer wilden Rabaukin und hochschwanger mit der zweiten. Studentin, Partnerin, Neu-Bayerin. Es gab hier so viel zu entdecken und ich habe euch auf so viele unserer Ausflüge mitgenommen, habe euch die Berge aus allen möglichen Blickwinkeln gezeigt. Und irgendwann kamen immer mehr Themen dazu: Vertrau deiner Intuition. Irgendwie fühle ich mich anders. Warum ist manchmal alles so erdrückend? Warum ist alles so laut? Warum fällt mir manches so schwer, das für andere ganz selbstverständlich zu sein scheint?
Anderssein
Ich wusste eigentlich schon immer, dass ich anders bin. Als ich klein war, habe ich dieses Anderssein als etwas Schlimmes gesehen. Als etwas, das nicht in diese Welt passt, nicht in diese Gesellschaft. Als etwas, das falsch ist.
Auch als ich größer wurde, habe ich gemerkt, dass ich einfach nicht so in das System passe, wie es vorgesehen ist. Ich hatte Probleme in der Schule und ich hatte allgemein Probleme damit, mich anzupassen und mich unterzuordnen. Ich hatte meine Schwierigkeiten mit Hierarchien und damit, Dinge einfach hinzunehmen, ohne sie zu hinterfragen. Ich habe Dinge gesehen und wahrgenommen, die andere scheinbar nicht wahrgenommen haben, und mich immer wieder gefragt: Warum kann ich nicht einfach normal sein?
Dass ich nicht so bin wie die anderen, hat mich viel Kraft und vor allen Dingen viele Jahre gekostet. Jahre, in denen ich erst langsam erkennen musste, dass dieses Anderssein auch etwas Gutes sein kann. Dass es ein Teil davon ist, wer ich bin. Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass Anderssein nicht bedeutet, falsch zu sein. Dass man auch anders dazugehören kann. Dass man ein Teil des Ganzen sein kann, nur eben auf die eigene Art.
Was mir dabei besonders geholfen hat, waren die Geburt meiner Töchter und das Schreiben darüber. Denn zum ersten Mal habe ich gemerkt: Ich bin nicht allein.
Das ist vielleicht das Schlimmste am Sich-anders-Fühlen und am Gefühl, nicht dazuzugehören: immer zu denken, man sei damit alleine.
Aber das bin ich nicht. Das ist keiner von uns.
Neurodivergenz: Wenn das Anderssein einen Namen bekommt
Für mich hat dieses Anderssein heute einen Namen: Neurodivergenz. Ich glaube, ich war noch nie so froh darüber, dass etwas einen Namen hat. Nicht, weil dadurch plötzlich alles beantwortet wäre. Aber weil es greifbar wird.
Wichtig ist für mich vor allem, dass wir uns nicht mehr alleine fühlen. Dass wir verstehen, dass dieses Anderssein nicht aus mangelnder Disziplin, fehlendem Willen oder persönlichem Versagen entsteht. Sondern dass es damit zusammenhängt, wie unser Gehirn funktioniert, wie wir Reize verarbeiten, wie wir wahrnehmen, denken und fühlen. Und dass darin nicht nur Schwierigkeiten liegen, sondern auch Fähigkeiten, Perspektiven und Stärken.
Während ich auf diesem Blog geschrieben habe, hat sich stetig weiterentwickelt, was ich darüber denke, was ich sagen möchte und wie ich mich ausdrücken möchte. Und ich habe immer häufiger erfahren: Vielen geht es genauso. Nicht nur hier auf dem Blog, sondern auch auf Instagram habe ich gemerkt, dass es viele Menschen gibt, die anders denken, anders wahrnehmen, es ruhiger brauchen, viel hinterfragen und Dinge nicht einfach nur deshalb annehmen, weil sie schon immer so gemacht wurden.
Und das tat unendlich gut.
Wo ich heute stehe
Mittlerweile sind meine Töchter 14 und 10 Jahre alt. Ich arbeite an einer Mittelschule als Berufseinstiegsbegleitung, also quasi in der Berufsorientierung mit mehr individueller Unterstützung für die Schülerinnen und Schüler. Ich leite einen Kreis für Hochsensible und gebe zu diesem Thema Vorträge und Workshops an der Volkshochschule. Und ich fotografiere nicht mehr nur irgendwie. Ich habe meinen Stil gefunden und begonnen, meine Bilder zu verkaufen.
In den vergangenen zehn Jahren haben sich die losen Fäden, die überall um mich herum lagen, langsam sortiert. Heute ergeben sie mehr Sinn, wenn ich sie in den Händen halte. Noch nicht immer und nicht vollständig. Aber sehr viel mehr als früher.
Wie es mit Berggeschwister weiter geht
Deshalb möchte ich heute nicht mehr nur in Beiträgen fragen, warum alles manchmal so laut ist, warum ich schwer zur Ruhe komme oder warum das Schulsystem nicht für jeden Menschen gemacht zu sein scheint. Ich möchte darüber schreiben, warum das so sein könnte und vor allem was wir machen können, damit sich niemand ausgeschlossen fühlt, nur weil er anders denkt oder funktioniert.
Auch das Familienleben hat sich verändert. Als dieser Blog entstand, hatte ich kleine Kinder. Heute habe ich eine Jugendliche und ein Kind, das selbst bald zehn Jahre alt wird. Die Themen sind andere geworden. Es geht weniger um die unmittelbaren Herausforderungen der Kleinkindzeit und mehr um Loslassen, Selbstständigkeit, Schule, Entwicklung, Beziehungen und die Frage, wie sich auch die eigene Rolle als Mutter verändert, wenn die Kinder größer werden.
Gleichzeitig bleibt vieles bestehen. Wir sind noch immer viel draußen unterwegs. Wir entdecken noch immer das Allgäu, gehen an Seen, in die Berge und durch Wälder.
Und jetzt wird Berggeschwister zehn Jahre alt. Ich kann es selbst kaum glauben. In zehn Jahren, die ich nun hier in Bayern wohne, in zehn Jahren, in denen ich zweifache Mutter bin, und in zehn Jahren, in denen ich aufschreibe, wie es mir geht, hat sich so viel getan.
Es hat sich verändert, wie ich mich selbst wahrnehme, wie ich meine Umwelt sehe und wie ich meinen Platz in dieser Welt verstehe. Ich kann diesen Platz noch nicht immer vollständig annehmen. Ich hinterfrage noch immer viel. Vielleicht werde ich das auch immer tun.
Aber heute sehe ich darin nicht mehr nur das, was mich trennt. Ich sehe auch das, was mich mit anderen verbindet.
Und vielleicht ist genau das der Kern von Berggeschwister: ein Ort für das Draußensein und das Nach-innen-Schauen. Für Familienleben und Entwicklung. Für das Allgäu, für Fotografie und für Gedanken, die manchmal gar nicht immer so einsam sind, wie man vielleicht denkt.
Ein Ort für Menschen, die die Welt vielleicht etwas anders wahrnehmen.
Und ein Ort, an dem wir damit nicht alleine sind.
Schön, dass du da bist!
Deine Jenny
PS: ich bin mit dem Umbau noch nicht ganz fertig, denn das alles alleine zu machen braucht leider jede Menge Wissen und Zeit. Aber ich wollte jetzt unbedingt wieder online sein und bringe den Rest Stück für Stück dazu. Schau dich gerne um!

