Ich fühle mich getrieben – und frage mich, ob es unserer ganzen Generation so geht
Diese Gedanken gehen mir schon so lange durch den Kopf, ich möchte sie schon so lange teilen, aber irgendwie weiß ich nie so richtig, wie ich sie in Worte verpacken soll. Aber immer wieder merke ich: anderen geht es auch so. Und interessanterweise nicht nur berufstätigen Müttern. Ich frage mich, was steckt dahinter? Ist es die meine Situation? Die Mutterrolle? Oder einfach die Millennial Generation?
Schon seit 2 oder 3 Jahren habe ich das Gefühl getrieben zu sein. Ich hetze von Termin zu Termin und von Aufgabe zu Aufgabe. Nur damit die Hälfte trotzdem hinten runterfällt. Die To-Do-Listen sind unfassbar lang und nicht zu schaffen.
Ich höre dann gleich die Stimmen, die rufen: Anspruch runter! To Do Listen kürzen, die Hälfte kann man ignorieren oder delegieren!
Aber ganz ehrlich, diese Stimmen machen es nur schlimmer, auch wenn es gewiss eine Hilfe sein soll. „Lass doch die Wäsche liegen.“ „Dann räum doch abends die Küche nicht auf.“ „Du musst dich bei Schulaktivitäten nicht beteiligen.“ Doch muss ich. Alles davon ist in meinem Aufgabenbereich und wenn ich es liegenlasse, dann ist es am nächsten Tag einfach noch mehr und irgendwann einfach schwer zu bewältigen. Auch Schulaktivitäten sind so eine Sache. Klar kann ich mich einigermaßen ausklinken. Aber beide Kinder sind mittlerweile auf einer weiterführenden Schule und meine einzige Chance andere Eltern kennenzulernen und zu wissen, mit wem mein Kind da eigentlich Zeit verbringt, sind eben diese Veranstaltungen. Und ich finde es wichtig zu wissen mit wem sich meine Kinder umgeben. Ganz davon abgesehen, dass es von den Schulen auch gefordert wird, dass man sich einbringt. Da ist Anwesenheitspflicht für Eltern auf Festen etc. Also könnte man es auf ein Minimum runterschrauben, aber raus komme ich da nicht.
Liegt es an der Mutterrolle?
Deswegen dachte ich lange es liegt an unserer Situation. Wer uns schon länger liest der weiß, dass ich oft alleine bin mit den Mädels. Und da wir nicht in der Nähe unserer Familie wohnen (die nächstgelegenen sind 7 Stunden entfernt), ist auch niemand da der sonst einspringt. Ich mache das also wirklich alleine. Aber ich habe auch andere Mütter sagen hören, dass sie sich ähnlich fühlen.
Also dachte ich, dass es die Mutterrolle allgemein ist. Ich meine die Doppelbelastung aus Carearbeit und Beruf, die so gut wie alle haben, ist nicht ohne. Also ist dieses Getrieben-Sein ein Symptom davon?
Und nun habe ich aber auch Freunde ohne Kinder. Da gibt es zwar die, die sagen es ist alles fein, es passt im Großen alles zueinander, was sie im Leben wollen. Aber die sind die Minderheit. Es gibt eben auch die, die sagen: ich fühle mich auch getrieben!
Oder sind es doch die Millennials?
Meine Vermutung ist, dass es meine Generation ist. Eigentlich lächle ich immer nur darüber, wenn wieder Sätze aufkommen wie „Ach die Millennials, das ist ja typisch“ aber vielleicht sind es ja doch wir?
Also habe ich angefangen, ein bisschen danach zu suchen, wer diese Millennials eigentlich genau sind und ob an meinem Gefühl vielleicht wirklich etwas dran ist.
Schon die erste Erkenntnis: Ganz so eindeutig ist das mit den Generationen überhaupt nicht. Die Grenzen sind nicht wissenschaftlich festgeschrieben. Häufig werden als Millennials die Jahrgänge 1981 bis 1996 bezeichnet. Damit wären wir heute ungefähr zwischen 30 und 45 Jahre alt. Also ziemlich genau in der Lebensphase, in der bei vielen Menschen sehr viel gleichzeitig passiert: Beruf, Kinder, Haushalt, Partnerschaft, finanzielle Verpflichtungen, vielleicht die ersten Eltern, die Unterstützung brauchen, und irgendwo dazwischen soll auch noch ein eigenes Leben stattfinden. Das allein könnte schon einiges erklären.
Vielleicht ist es ein Mittendrin-im-Leben-Ding
Und vielleicht ist das überhaupt der erste Fehler in meiner Überlegung: Vielleicht ist es gar nicht nur ein Millennial-Ding. Vielleicht ist es auch ein Mittendrin-im-Leben-Ding. Gerade bei Eltern lässt sich die Belastung nämlich tatsächlich messen. Laut der Zeitverwendungserhebung des Statistischen Bundesamtes (2022 Ziemlich interessant, Link unten*) verbringen Eltern zwischen 18 und 64 Jahren mit Kindern im eigenen Haushalt pro Woche rund 10,5 Stunden mehr mit bezahlter und unbezahlter Arbeit als gleichaltrige Menschen ohne Kinder im Haushalt.
Also ja: Dass ich mich als berufstätige Mutter manchmal frage, wo eigentlich die ganze Zeit geblieben ist, bilde ich mir zumindest nicht komplett ein. Aber das erklärt meine Freunde ohne Kinder noch nicht.
Interessant wird es da, wo man sich Millennials insgesamt anschaut. In einer großen internationalen Befragung von Deloitte aus dem Jahr 2025 (** Link ebenfalls unten) sagten 34 Prozent der befragten Millennials, dass sie sich die meiste oder sogar die ganze Zeit gestresst oder ängstlich fühlen. 46 Prozent fühlten sich finanziell nicht sicher. Mehr als 80 Prozent der befragten Gen Zs und Millennials nannten ihre alltägliche oder langfristige finanzielle Situation als einen Faktor für Stress und Sorgen.
Wenn Belastung mehr als eine Ursache hat
Vielleicht gibt es also tatsächlich etwas, das über Elternschaft hinausgeht. Gleichzeitig wäre es mir zu einfach zu sagen: Wir Millennials sind eben die Generation, die sich ständig stresst.
Denn auch in der Arbeitswelt ist das Bild komplizierter. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin untersucht seit Jahren Arbeitsintensität, Zeitdruck und Informationsflut. Die Daten zeigen nicht einfach, dass Arbeit kontinuierlich immer schneller und schlimmer wird. Einige Anforderungen sind zurückgegangen, andere gleichgeblieben oder gestiegen. Hohe Arbeitsintensität ist aber weiterhin weit verbreitet und wird als belastend erlebt. Genau sagen sie: „Nach den Ergebnissen ist eine hohe Arbeitsintensität im Jahr 2024 nicht häufiger vorgekommen als zu den vorigen Erhebungszeitpunkten. Jedoch empfinden die Beschäftigten in der zunehmend komplexen Arbeitswelt die hohe Arbeitsintensität seit einigen Jahren vermehrt als Belastung.“ (*** Link unten)
Vielleicht ist dieses Getriebensein deshalb gar nicht eine einzelne Sache. Vielleicht ist es eine ziemlich ungünstige Mischung.
Wenn aus Möglichkeiten Anforderungen werden
Wir sind eine Generation, die noch mit „Du kannst alles werden“ groß geworden ist und heute an vielen Stellen merkt: Ja, vielleicht. Aber bitte gleichzeitig.
Wir haben sehr viele Vorstellungen davon, wie ein gutes Leben aussehen soll: Einen erfüllenden Beruf haben. Gute Eltern sein. Partnerschaft pflegen. Freundschaften erhalten. Gesund essen. Sport machen. Das Haus ordentlich halten. Finanziell vorsorgen. Die Kinder begleiten. Sich weiterbilden. Nachhaltig leben. Erinnerungen schaffen. Reisen. Sich selbst verwirklichen. Und natürlich unbedingt auf sich selbst achten.
Das Absurde daran ist: Selbst Entspannung wird irgendwann noch eine Aufgabe. Ich muss Pausen machen. Meditieren. Mich bewegen. Grenzen setzen. Selfcare betreiben. Noch fünf Punkte für die To-do-Liste, damit ich mich weniger getrieben fühle.
Und vielleicht liegt genau da ein Teil des Problems. Dass wir nicht unbedingt mehr tun als jede Generation vor uns. Aber dass unglaublich viele Lebensbereiche gleichzeitig unsere Aufmerksamkeit verlangen. Dass wir von viel mehr Möglichkeiten wissen. Dass wir ständig sehen, was wir noch tun könnten. Und dass durch Smartphone, Nachrichten, Schulapps, E-Mails und soziale Medien kaum noch klare Grenzen zwischen den einzelnen Bereichen existieren.
Vielleicht ist es von allem ein bisschen
Vielleicht bin ich getrieben, weil ich Mutter bin.
Weil ich berufstätig bin.
Weil Familie weit weg ist.
Weil ich in einer Lebensphase stecke, in der einfach unfassbar viel gleichzeitig passiert.
Und vielleicht auch ein bisschen, weil ich Millennial bin und zu einer Generation gehöre, die zwischen „Du kannst alles haben“ und „Du musst aber auch alles selbst organisieren“ erwachsen geworden ist.
Eine endgültige Antwort habe ich damit noch immer nicht. Ich frage mich, ob es die überhaupt gibt. Tatsächlich gehen meine Gedanken diesbezüglich noch weiter, dass kommt aber eventuell mal in einem anderen Part.
Aber wenn du magst beantworte doch du die Frage: Fühlst du dich auch getrieben? Und wenn ja, wodurch eigentlich?
Deine Jenny
Leider lässt mich WordPress aktuell keine Links einfügen und sagt auch, dass die Links falsch sind. Weiterleitung funktioniert deshalb leider nicht, vom Statistischen Bundesamt bekomme ich nur eine Übersicht eingefügt. Sobald es ein Update gibt ändere ich das natürlich.
Bis dahin bitte Link kopieren und einsetzen, die funktionieren.
* Link Statistisches Bundesamt: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Zeitverwendung/_inhalt.html#_7f9e8813n
** Millennial Befragung von Deloitte: https://www.deloitte.com/us/en/insights/topics/talent/2025-gen-z-millennial-survey.html
*** Bundesanstalt für Arbeitsschutz: https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Fakten/BIBB-BAuA-48






