Gebraucht heißt nicht wertlos: Was sind Dinge eigentlich noch wert?
Neulich wollte ich Schmuck aussortieren. Ich hatte euch davon im WMDEDGT berichtet.
Nicht, weil die Sachen kaputt waren. Nicht, weil sie hässlich sind. Sondern weil sie einfach nicht mehr zu mir passen. Ich habe vor ein paar Jahren meinen Stil ziemlich verändert und seitdem liegen manche Dinge einfach nur noch da. Mehr noch: Manches habe ich nicht benutzt. Fand sie im Shop schön und dann habe ich sie doch nie getragen. Bald vergessen. Eigentlich viel zu schade dafür.
Wenn Dinge ein neues Zuhause suchen
Also dachte ich: Ich stelle sie online. Vielleicht freut sich jemand darüber. Vielleicht findet ein Teil ein neues Zuhause, wird wieder getragen, wieder benutzt, wieder wertgeschätzt. Eigentlich komisch, was sich da manchmal in meinem Kopf zusammenbraut. Ich stelle mir vor, wie jemand ein Stück findet, was er sich zum Neupreis nicht kaufen könnte und dankbar ist, dass er es trotzdem neu günstiger bekommt. Oder wie jemand einfach nicht „neu“ kaufen möchte und extra schaut, was ein neues Zuhause sucht. Eine absolut romantische Vorstellung, das weiß ich.
Und dann saß ich da, suchte nach ähnlichen Teilen und war ehrlich gesagt ziemlich irritiert. Neue, vergoldete Ohrringe, originalverpackt, Neupreis ungefähr 40 Euro, wurden exakt so für 4 Euro angeboten. Und ich dachte nur: Was passiert da eigentlich mit dem Wert von Dingen? Denn so ist das nicht nur mit Schmuck. Sondern bei vielen Sachen, eigentlich so gut wie allem, was wir anbieten könnten, habe ich ähnliches beobachtet. Natürlich weiß ich, dass gebrauchte Sachen günstiger sind. Das ist ja auch völlig richtig. Niemand zahlt für etwas Gebrauchtes den Neupreis, nur weil ich irgendwann mal den Neupreis bezahlt habe. Darum geht es mir gar nicht.
Aber manchmal habe ich das Gefühl, es gibt nur noch zwei Extreme. Entweder etwas ist neu, glänzend, perfekt verpackt und kostet viel Geld. Oder es war schon einmal in Besitz von jemandem und soll dann am besten fast nichts mehr kosten. Dazwischen scheint es kaum noch etwas zu geben. Und genau das finde ich seltsam.
Gebraucht heißt nicht wertlos
Denn nur weil etwas nicht mehr neu ist, ist es doch nicht automatisch wertlos. Ein Kleidungsstück, das gut erhalten ist, kann weiter getragen werden. Schmuck, der kaum benutzt wurde, ist nicht plötzlich Ramsch. Ein Spielzeug, das nicht mehr bespielt wird, kann für ein anderes Kind wieder genau das Richtige sein. Eigentlich ist das doch der schöne Gedanke hinter Secondhand. Dinge dürfen weiterziehen. Nicht alles muss neu gekauft werden. Nicht alles muss sofort ersetzt werden. Nicht alles muss entsorgt werden, nur weil es bei uns nicht mehr passt.
Aber irgendwo zwischen Nachhaltigkeit, Online-Plattformen und Schnäppchenjagd scheint dieser Gedanke manchmal verloren zu gehen. Dann geht es nicht mehr darum, dass etwas einen neuen Platz bekommt. Dann geht es nur noch darum, möglichst wenig zu zahlen. Am besten einen Euro. Am besten geschenkt. Am besten mit Versand inklusive und bitte sofort.
Und ich merke, dass mich das stört. Nicht, weil ich mit meinen alten Sachen reich werden möchte. Wirklich nicht. Ich verkaufe nicht regelmäßig. Oft geht es mir gar nicht in erster Linie ums Geld. Sondern darum, dass ich es schade finde, wenn gute Dinge einfach herumliegen oder irgendwann weggeworfen werden. Bzw. ich kann das gar nicht, gute Dinge wegwerfen. Weshalb unser Dachboden einem Trödelladen gleicht. Und dann stehe ich da oben und denke, wie gut vieles noch ist und dass es ein neues Zuhause suchen könnte. Und dann frage ich herum, wer etwas gebrauchen kann oder schaue, ob ich es online anbiete. Aber dann mache ich mir die Mühe und mache Fotos, schreibe einen Text und das Ergebnis ist, dass die Ohrringe, die immer noch original verpackt bei mir liegen nur noch 4 Euro wert sind.
Ich möchte meine Sachen nicht verramschen.
Dieses Wort klingt vielleicht hart, aber genau so fühlt es sich manchmal an. Als würde etwas, das mal bewusst ausgesucht wurde, das Material, Arbeit, Gestaltung und vielleicht auch Erinnerungen in sich trägt, auf einmal nur noch ein lästiger Rest sein, der möglichst schnell wegmuss.
Und vielleicht liegt da für mich der Unterschied. Ich kann etwas verschenken. Sehr gerne sogar. Aber dann möchte ich es bewusst verschenken. An jemanden, der sich darüber freut. Der es brauchen kann. Der den Wert darin noch sieht, auch wenn der Wert nicht mehr auf einem Preisschild steht. Das fühlt sich für mich anders an, als etwas für fast nichts an jemanden abzugeben, der es vielleicht einfach nur mitnimmt, weil es billig ist.
Wertschätzung beginnt nicht erst beim Verkaufen
Ich glaube, das hat auch etwas mit Respekt zu tun.
Respekt vor dem Geld, das einmal dafür ausgegeben wurde.
Respekt vor den Materialien.
Respekt vor der Arbeit, die darin steckt.
Und vielleicht auch Respekt vor dem eigenen Leben, in dem diese Dinge einmal eine Rolle gespielt haben.
Natürlich muss man nicht alles behalten. Im Gegenteil. Ich finde Aussortieren wichtig. Es tut gut, Dinge loszulassen, die nicht mehr passen. Es macht Räume freier. Schränke leichter. Den Kopf manchmal auch. Aber Loslassen heißt für mich nicht automatisch entwerten.
Wir reden viel darüber, nachhaltiger zu kaufen. Weniger zu konsumieren. Dinge länger zu nutzen. Secondhand zu kaufen. Und das ist alles richtig. Aber vielleicht müssten wir auch darüber reden, wie wir mit Dingen umgehen, wenn sie nicht mehr neu sind. Ob wir sie dann wirklich wertschätzen. Oder ob wir nur froh sind, wenn wir sie billig bekommen.
Ich glaube, wir haben uns sehr daran gewöhnt, dass alles immer verfügbar ist. Neu, schnell, günstig, austauschbar. Wenn etwas nicht mehr gefällt, kommt eben etwas anderes. Wenn etwas nicht mehr gebraucht wird, muss es weg. Und wenn wir etwas gebraucht kaufen, dann bitte so billig, dass es kaum noch wehtut, falls wir es am Ende doch nicht nutzen.
Aber genau dadurch verlieren Dinge ihren Wert vielleicht nicht erst beim Verkaufen. Vielleicht verlieren sie ihn schon beim Kaufen. Wenn wir Dinge anschaffen, ohne sie wirklich zu brauchen. Wenn wir kaufen, weil etwas gerade günstig ist. Wenn wir uns an dieses schnelle Haben gewöhnen und gar nicht mehr merken, wie wenig Bedeutung manche Dinge dadurch bekommen.
Und ja, ich nehme mich da nicht komplett raus.
Auch ich habe Dinge gekauft, die ich später kaum genutzt habe. Sonst hätte ich die neuen Ohrringe ja nicht in meinem Schrank liegen. Vielleicht hat mich dieser Moment auch deshalb so getroffen. Weil er nicht nur etwas über andere Menschen sagt, sondern auch über mich. Über meinen eigenen Konsum. Über die Frage, was ich wirklich brauche. Was ich kaufe, weil es zu mir passt. Und was ich kaufe, weil ich in einem Moment dachte, es könnte zu mir passen.
Und dann liegt es da.
Wird aussortiert.
Und ist plötzlich fast nichts mehr wert.
Ein Raum zwischen neu und wertlos
Vielleicht ist das die ehrlichste Erkenntnis daran: Dinge behalten ihren Wert nicht automatisch, nur weil sie einmal teuer waren. Aber sie sollten auch nicht automatisch wertlos werden, nur weil sie jemandem gehört haben. Irgendwo dazwischen müsste ein Raum sein.
Ein Raum für faire Preise. Für bewusstes Weitergeben. Für Verschenken ohne Geringschätzung. Für Kaufen ohne dieses Gefühl, ein Schnäppchen gemacht haben zu müssen. Für Dinge, die nicht mehr neu sind, aber trotzdem noch gut. Oder vielleicht gibt es diesen Raum und ich habe ihn nur noch nicht gefunden.
Ich weiß noch nicht genau, was ich mit dem Schmuck mache. Vielleicht verkaufe ich manches doch. Vielleicht verschenke ich etwas. Vielleicht lege ich ein paar Teile erst einmal zur Seite und schaue später nochmal hin. Aber dieser kleine Moment hat bei mir etwas angestoßen.
Die Frage, wie wir mit Dingen umgehen.
Deine Jenny

