Geld oder Freude? Wie wichtig ist es, den eigenen Beruf zu mögen?
Heute möchte ich dir in den Wegrandnotizen eine Frage mitgeben. Ich denke, die beantwortet jeder für sich unterschiedlich, wahrscheinlich auch abhängig davon, welcher Generation wir angehören.
Es geht um die Frage nach der Liebe zum Beruf und dem Gehalt. Was wichtiger ist, muss jeder für sich klären. Was ich mich aber immer wieder frage: Wenn du dich für das Geld entscheidest, kannst du dann trotzdem glücklich sein?
Für mich hängt die Zufriedenheit im Beruf ziemlich eng mit meiner generellen Zufriedenheit zusammen. Ich möchte, dass das, was ich zur Gesellschaft beitrage, etwas Sinnvolles ist. Und ich möchte, dass das auch gesehen wird. Es geht mir gar nicht darum, ständig irgendwelche Lorbeeren einzuheimsen. Aber ich möchte wissen, dass meine Arbeit etwas beiträgt und dass zumindest die Menschen, mit denen ich beruflich zu tun habe, das auch grundsätzlich so sehen.
Ein Gespräch hat die Idee ausgelöst, darüber zu schreiben. Eigentlich habe ich solche Gespräche schon oft geführt, in ganz unterschiedlichen Formen. Aber seitdem fällt mir noch stärker auf, wie groß diese Frage gerade für diejenigen ist, die erst am Anfang oder sogar noch vor ihrer beruflichen Laufbahn stehen.
Wenn meine Schüler mich zum Thema Arbeit fragen, sage ich immer, dass ich glaube, dass echte Freude am Beruf wichtig ist. Vielleicht nicht jeden Tag und in jeder Aufgabe. Aber grundsätzlich. Weil ich glaube, dass es sonst irgendwann passieren kann, dass man morgens nicht mehr aufstehen möchte. Dass man mit Bauchschmerzen zur Arbeit geht und montagmorgens schon hofft, dass möglichst schnell wieder Freitag ist.
Natürlich gibt es vermutlich auch Menschen, für die Arbeit einfach Arbeit ist. Die hingehen, ihre acht Stunden machen, wieder nach Hause gehen und denen es ziemlich egal ist, womit sie diese Stunden verbracht haben. Aber davon kenne ich ehrlich gesagt nur wenige. Und mir wäre das Risiko zu groß, Jugendlichen zu sagen: Such dir einfach irgendetwas, das gut bezahlt wird. Den Rest deines Lebens kannst du ja in der Freizeit unterbringen.
Genau darüber hatte ich vor Kurzem wieder ein Gespräch. Muss man seinen Beruf wirklich mögen? Kann man nicht einfach etwas machen, das man gut kann, damit sein Geld verdienen und alles, was einem wirklich wichtig ist, in die Freizeit legen? Das eine zum Geldverdienen, das andere für die persönliche Erfüllung.
Das Gespräch entstand auch aus der Frage heraus, ob ich meinen Beruf eigentlich mag und ob ich damit gut oder viel verdiene.
Und da kommt die nächste Dimension ins Spiel. Ich mag meinen Beruf wirklich sehr und ich halte meine Arbeit für wichtig. Für alle, die neu hier sind: Ich arbeite an einer Mittelschule und unterstütze Schüler, die Hilfe dabei brauchen, ihren weiteren Weg zu finden. Für die meisten bedeutet das eine Ausbildung. Manche gehen weiter zur Schule und müssen erst herausfinden, welche Schulform zu ihnen und ihren Möglichkeiten passt. Das ist teilweise ein ziemlicher Batzen Verantwortung. Und nein, ich finde nicht, dass diese Arbeit angemessen bezahlt wird. Wie so vieles im sozialen Bereich.
Die Schülerin, mit der ich dieses Gespräch geführt habe, erzählte mir, dass ausgerechnet der Beruf, der ihr bisher am besten gefallen hat, ebenfalls nicht besonders gut bezahlt wird. Sie hat gute Noten, sie bemüht sich und sie möchte später auch gute Arbeit leisten.
Ihre Frage war deshalb ziemlich nachvollziehbar: Wie kann es sein, dass sie sich in der Schule anstrengt und anschließend in einer Ausbildung deutlich weniger verdient als andere, die schulisch vielleicht gerade so durchkommen, sich aber für eine besser bezahlte Branche entscheiden?
Natürlich kann Bezahlung nicht einfach nur nach Schulnoten oder Qualifikation funktionieren. Trotzdem verstehe ich ihren Punkt.
Denn ziemlich schnell kam sie zu der Überlegung: Warum sollte ich dann nicht einfach eine andere Ausbildung machen, mit der ich später sehr viel mehr verdiene? Die Noten dafür hat sie. Das Engagement auch.
Und plötzlich steht sie da, diese Frage: Geld oder Freude?
Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Denn Geld bedeutet nicht nur Konsum. Geld bedeutet auch Sicherheit. Eine Wohnung bezahlen können. Rücklagen haben. Nicht jedes Mal rechnen müssen, wenn etwas kaputtgeht. Sich vielleicht irgendwann eine Familie, Reisen oder einfach mehr Freiheit leisten können.
Und andersherum romantisieren wir manchmal auch den Gedanken vom Beruf, den man „liebt“. Ein Beruf kann noch so sinnvoll sein: Wenn man davon kaum leben kann, ständig finanziellen Druck hat oder sich trotz großer Verantwortung nicht wertgeschätzt fühlt, kann auch das ziemlich unglücklich machen.
Vielleicht liegt die eigentliche Frage also gar nicht darin, ob Geld oder Freude wichtiger sind. Sondern darin, wo die eigene Grenze liegt.
Um diese Frage einmal komplett auf die Spitze zu treiben, nehme ich das Spiel, das ich manchmal mit meinen Mädels spiele, wenn uns langweilig ist. Zum Beispiel auf langen Autofahrten: Würdest du eher …?
Also hier meine Frage an dich:
Würdest du lieber jeden Tag in einem unglaublich langweiligen Job arbeiten, der für niemanden irgendeinen erkennbaren Mehrwert hat? Sagen wir, du müsstest acht Stunden täglich den Buchstaben A in einem riesigen Buchstabensalat suchen. Tag für Tag.
Dafür verdienst du 8.000 Euro im Monat.
Oder würdest du den Beruf machen, den du wirklich liebst, aber dafür nur 1.500 Euro im Monat verdienen? Auch bei acht Stunden täglich.
Diese Frage hat übrigens Rebekka mir gestellt. Und ich finde, sie trifft ziemlich gut, worum es geht. Natürlich liegen die meisten echten Entscheidungen irgendwo zwischen diesen beiden Extremen. Aber wo wäre deine Grenze?
Wie viel Geld müsste ein Beruf dir bieten, damit du dafür auf Freude oder Sinn verzichten würdest? Und wie wenig Geld wärst du bereit zu verdienen, wenn du dafür wirklich gerne zur Arbeit gehst?
Damit wünsche ich dir ein schönes Wochenende,
deine Jenny




