
Ins System passen
Heute habe ich einen kurzen Satz mit angehört: „Nur weil jemand nicht ganz ins System passt, muss er nicht gleich irgendwas haben“. Und mein Gedankenkarussell hat direkt Fahrt aufgenommen. Damit willkommen zu den heutigen Freitagsgedanken.
Ein wenig zum Kontext, denn ich habe etwas mehr, als diesen einen Satz gehört. Es ging um eine Person, die über ein Kind erzählt hat. Dieses sollte wegen Problemen von einer Fachperson angeschaut werden. Die Frage war nun Therapeut oder Psychiater? Eine andere Person sagt: „Als es ist die Arbeit vom Psychiater Diagnosen zu stellen, da kommt auf jeden Fall etwas heraus.“ „Ja aber heutzutage hat doch jeder irgendwas, ich weiß gar nicht, ob ich eine Diagnose möchte“, die Antwort der ersten Person. Es ging kurz hin und her und dann eben dieser Satz: „Nur weil jemand nicht ganz ins System passt, muss er nicht gleich irgendwas haben“.
Ich habe mich direkt gefragt, warum denn jemand wohl nicht ins System passt? Natürlich kenne ich die genauen Umstände nicht, weiß nicht, was genau vorgefallen war und wo das Problem liegt. Also quasi weiß ich nicht. Aber immer, wenn es um ein System geht, glaube ich, ist das gar nicht wichtig. Denn es geht ja dann eben nicht mehr um das Individuelle, sondern um das Systematische, oft Auftretende.
Vor allem seit ich an der Mittelschule arbeite sehe ich, dass es unfassbar verschiedene Menschen gibt, verschiedene Lebenslagen, verschiedene Ziele und Motivation. Aber eines ist wirklich vielen gemeinsam: sie sind nicht in der Mittelschule gelandet, weil es ihnen an Intelligenz fehlt, meistens nicht mal ansatzweise. Ich glaube der Großteil passt einfach nicht ins System. Er ist auffällig und laut, gibt Widerworte und hat Probleme sich an die Strukturen zu halten.
Ich stimme zu, dass es vorkommt wie eine Mode. Wirklich jeder, der irgendwie nicht passt hat auf einmal eine Diagnose für ADHS. Oder etwas neuer auch ADS, AuDS, Autismus. Und schnell wird überall wieder abgetan: das ist ja eine richtige Modeerscheinung! Aber ist das wirklich so? Es ist nachgewiesen, dass ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung neurodivergent ist. Und das heißt ganz einfach heruntergebrochen: anders. Wenn es also einen Großteil gibt, der neurotypisch ist, dann ist es auch dieser Großteil, der die Regeln macht. Der Strukturen festlegt und sagt was geht und was nicht. Es erscheint mir wie eine logische Folge, dass der kleinere Anteil da weder mitkommt noch sich großartig gegen wehren kann. Er lebt in der Gesellschaft der Mehrheit. Und dann gibt es genau zwei Dinge, die passieren können. Entweder gibt es eine Anpassung oder eine Auffälligkeit.
Also zurück zu dem Satz. „Nur weil jemand nicht ganz ins System passt, muss er nicht gleich irgendwas haben“. Ich schätze mal damit ist Neurodivergenz gemeint. Eventuell auch eine psychische Erkrankung wie Depression, dass würde ich jetzt mal ausklammern, weil ja explizit gesagt wurde „weil er nicht ganz ins System passt“. Ich schätze es geht eben darum, dass Diejenige Schwierigkeiten hat 8 Stunden am Stück stillzusitzen. Anordnung ohne Hinterfragen einfach auszuführen. Konzentration und Interesse auf Anordnung einer Autorität hervorzubringen. Gesellschaftliche Standards bei Zwischenmenschlichen Beziehungen immer zu zeigen. Denn darum geht es meistens. Und das sind alles Merkmale neurodivergenten Verhaltens. Und damit steckt mehr dahinter, als das es einfach nur nicht passt.
Damit belasse ich es. Eigentlich schwirren durch meinen Kopf schon die nächsten Fragen, nämlich danach, was man mit der Feststellung machen kann. Ist eine Diagnose denn wichtig? Ist es überhaupt wichtig zu wissen, was da los ist, oder welchen Namen es braucht? Aber da muss ich mein Gedankenkarussell erstmal weiterdrehen.
Bis dahin,
deine Jenny
