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Kinder stark machen gegen Mobbing

Bella von familieberlin.de hat nach Tipps und Tricks gefragt, wie man damit umgehen soll, wenn die eigenen Kinder gehänselt, oder ausgeschlossen werden. Wie kann man Kinder stark machen, damit sie solche Situation gut überstehen und am besten auch noch alleine damit zurecht kommen? Ja, das ist wohl eine gute Frage, denn ein Geheimrezept gibt es sicher nicht. Aber ich erzähle euch gerne von uns, wie wir damit umgehen und wie ich probiere meine Kinder auf Mobbing und schwierige Situationen vorzubereiten.

– Es ist ein ganz schön langer Text geworden, aber bei so einem wichtigen Thema gibt es viel zu sagen, vor allem, wenn man selbst betroffen war! Also haltet durch und vielleicht findet ihr ja den ein oder anderen nützlichen Hinweis! Denn ganz am Schluss schreibe ich euch, in welchen vier Schritten sich Hanna gegen körperliche Gewalt wehrt!-

Mobbing in Kindergarten und Schule

Kinder können gemein sein. Es gibt eine Situation, die ich heute noch so klar vor Augen habe, als ob sie gerade erst passiert ist. Ich war in einem Tanzverein und die Kinder dort mochten mich nicht. Warum? Keine Ahnung, ich war wohl irgendwie anders, wuchs nur bei meiner Mutter auf, hatte nicht viel Geld. Warum sie deswegen so gemein sein mussten? Ich weiß es nicht. Eines Tages bin in den Tanzsaal gekommen und eins der älteren Kinder (der Jugendgruppe, ich war 3. oder 4. Klasse) kam mit der Tochter der Lehrerin zu mir. Der Rest hatte sich in der Ecke versammelt. Sie kamen zu mir und sagten: Kennst du eigentlich Fritz? Ich war etwas verwirrt, denn damit hatte ich nicht gerechnet. Nein, ich kenne keinen Fritz, habe ich gesagt. Daraufhin sagte sie: Komisch, denn der ist genauso hässlich wie du. Alle lachten, außer ich.

Natürlich weiß ich heute, dass es mir egal sein kann, was andere sagen, aber damals hat das ganz schön gesessen. Nicht, weil sie mich anscheinend für hässlich hielten, sondern weil so offene Anfeindungen, auch noch von mehreren, einfach wehtut. Die Kinder waren auch noch öfter gemein und ich weiß gar nicht, warum ich trotzdem jahrelang in diesem Verein getanzt habe. Wegen der anderen Kinder war es schon mal nicht.

Es war wirklich kein schönes Gefühl ständig ausgeschlossen zu werden, zu sehen, wie andere über einen lachen. Und wahrscheinlich macht mich das nochmal anfälliger, wenn ich sehe, dass jemand zu meinen Kindern schlecht ist, über sie lacht. Ich denke, jede Mutter wird zu Löwin, wenn sie ihre eigenen Kinder in Gefahr sieht, und sei es “nur” ein verbaler Angriff. Aber mir versetzt es nochmal einen Stich, weil ich weiß, oder ahne, wie es sich gerade anfühlen muss, das zu hören.

Konkret erinnere ich mich an eine Situation im Kindergarten. Wir kamen gerade rein, Hanna und ich, und ohne jeglichen Grund (in dieser Situation), ohne Vorwarnung oder weitere Worte schrie ein Kind: Du bist so dumm und hässlich Hanna!  Ich war so baff und dachte ich muss zu diesem Kind hin und es packen. Geht natürlich nicht und wäre wohl auch der falsche Weg (übrigens sehr witzig an dieser Stelle, dass Bella genau die gleiche Situation und Reaktion beschreibt! Lest mal ihren Beitrag dazu!).  Also gehe ich mit Hanna weiter zu ihrem Platz und probiere herauszufinden, was dieses Kind wohl hatte, ob es einfach manchmal so drauf ist, oder irgendetwas vorgefallen ist. Ich scheine sie regelrecht bombardiert zu haben mit meinen Nachfragen, ob denn alles gut sei, ob sie jetzt traurig ist, dass sie nur sagte: Nein Mama, ich bin nicht traurig, sondern du!

Oha! Erwischt! Mich hat das tatsächlich mitgenommen, Hanna irgendwie gar nicht. Darüber musste ich noch lange nachdenken und kam zu dem Schluss, dass dann ja alles richtig gelaufen ist: sie lässt sich nicht kränken!

Das ist natürlich alles, was ich mir wünschen könnte: das mein Kind weit über den Aussagen irgendwelcher anderer Kinder steht! Mein Kind hat ein so positives Selbstwertgefühl, dass sie sich von anderen nicht herunterziehen, oder angreifen lässt.

Mobber und Gemobbte

Kinder können gemein sein. Aber sie reproduzieren eigentlich nur das, was sie ständig sehen und mitbekommen. Auch wenn es immer Machtspiele geben wird, so kommen die genauen Worte und Handlungen doch vom engeren Umfeld der Kinder. Und damit möchte ich jetzt nicht sagen, dass Eltern total versagt haben, wenn das Kind mal im Kindergarten beißt, oder ähnliches. Damit meine ich, dass wiederkehrende emotionale und direkte Erpressung, Beleidigungen und körperliche Gewalt irgendwoher kommen.

Es sind also die Eltern in der Pflicht, und zwar die von mobbenden Kindern. Nur blöd, dass diese wahrscheinlich nicht das Internet auf der Suche nach Tipps und Erfahrungsberichten durchstöbern werden, weil der “Stärkere” zu sein nicht wirklich als Nachteil angesehen, sondern höchstens weggeredet wird. Ganz im Gegenteil sind es die Eltern der gemobbten Kinder, die sich Hilfe suchen, die ihre Kinder schützen wollen. Sie suchen Wege, ihre Kinder von solchen Mobbern fern zu halten, Kindern aus solchen Situatione herausholen zu können, oder es am besten zu trösten. Und ganz zurecht, wie ich finde, denn solche Gefühle, des Ausschlusses und der Zurückweisung, Beleidigung oder Gewalt sollte kein Kind erfahren!  Aber grundsätzlich senden wir damit die falsche Nachricht.

Du bist toll, wie du bist!

Sobald Kinder sich nämlich gegen solche Angriffe schützen (im Sinne von Zugeständnissen dem Mobber gegenüber, wehklagendem Rückzug, sich verdrängen lassen, traurig sein) begeben sie sich in eine Opferposition. Doch warum? Niemand, wirklich niemand! hat das Recht mein Kind (oder irgendwen anderes) da hinein zu drängen! Das fängt schon bei der Haltung an. Ein Kind lässt Hanna nicht mitspielen, weil es bestimmen möchte. Warum sollte Hanna deswegen traurig sein, würde ich sie fragen. Niemand darf einfach so (in einem freien Spiel) bestimmen! Es ist nicht an ihr, sich deshalb schlecht zu fühlen, aber sie kann die Situation verlassen. Jemand sagt zu ihr, dass sie dumm und hässlich ist und sie ist deswegen traurig (mal angenommen). Warum? Das stimmt nicht mal im entferntesten! Es gibt keinen Grund sich traurig zu fühlen, nur weil ein anderes Kind sie beleidigt! Und auch wenn ich meine, dass Kinder sich schützen müssen, dann nicht mit einem Rückzug, nicht damit zum Opfer von irgendwem zu werden. Denn ich denke, dass das die eigene Haltung maßgeblich beeinflusst und sich schnell festigen kann, wenn solche Situationen häufiger vorkommen.

Es wird immer Bestimmerkinder geben, dagegen kann man wenig machen. Ich habe Hanna von Anfang an versucht zu zeigen, dass es nicht wert ist, um die Gunst dieser Kinder zu betteln (“Bitte lass mich mitspielen” “Du darfst auch zu meinem Geburtstag kommen”). Viel eher lohnt es sich den Mut aufzubringen und zu sagen, dass man ordentlich mitspielt, oder halt gar nicht. Niemand mag Bullys, nur niemand traut sich etwas gegen sie zu sagen. Hanna wurde ausgeschlossen? Ich habe ihr gesagt, dann spiele doch einfach in einer anderen Ecke, so wie du magst. Das Endergebnis davon ist nämlich, dass du dich nicht nur irgendwelchen Regeln von anderen Kindern beugen musst, sondern meist die anderen Kinder, die auch genug haben, ebenfalls mitkommen! Natürlich ist es nicht schön ausgeschlossen zu werden und es fordert eine gehörige Portion Mut sich gegen Mobber zu stellen. Aber es ist es wert sich zu trauen, sich selbst treu zu bleiben. Ich bin überzeugt, wenn man mit seinen Kindern über solche Situationen redet, fällt es dem Kind schon leichter. Eben weil die Situation dann nicht mehr ganz fremd ist, weil man sie mit einer Vertrauensperson schon einmal durchgesprochen hat.

Solche Situationen, in denen das eigene Kind emotional verletzt wird (körperlich ist nochmal etwas anderes, denn das kann schnell ausarten) sind nicht schön. Nicht für das Kind und nicht für die Eltern. Aber es liegt an uns, sie zu werten, auf sie zu reagieren. Ein klares NEIN! ist bestimmt nicht leicht, aber anstatt sich zu denken “Jetzt möchte dieses Kind nicht mit mir spielen und schließt mich aus” sollte das Kind sich denken “Das gefällt mir gar nicht, wie dieses Kind mit mir und anderen umgeht, mit dem möchte ich gar nicht spielen!”. Das ist nicht nur in der jeweiligen Situation hilfreich, sondern auch eine gute langfristige Investition in ein positives Selbstwertgefühl.

Selbstwertgefühl bei Kindern steigern

Ein Geheimrezept gibt es nicht, das hatte ich oben geschrieben. Und natürlich ist es auch nicht so einfach, drüber zu stehen. Es gab eine Zeit, da wurde Hanna vom Nachbarskind wirklich schlimm behandelt und unter Druck gesetzt. Aber natürlich nur, wenn die beiden absolut alleine waren. Hanna war zu dem Zeitpunkt noch recht klein (3 1/2 – 4 Jahre) und erst die ersten Male alleine unten im Garten (auf eigenen Wunsch hin). Mit diesem Kind. Natürlich habe ich alle Fenster aufgerissen und die beiden keine Minute aus den Augen gelassen. Da sind solche Dinge passiert, wie: Hannas Teddy wurde in die Mülltonne gesteckt, als sie nicht hingeschaut hat (sie hat so bitterlich geweint, als ihr Teddy weg war. Das Mädchen hat natürlich total besorgt mitgesucht, obwohl sie und ich genau wussten, was da passiert ist) Sie hat Hanna bedroht, dass sie nicht nach mir rufen und klingeln dürfe, ist dann reingegangen und hat Hanna ausgesperrt, bis Hanna geweint hat, nur um Hanna dann besorgt nach oben zu bringen: “die Arme weint so sehr, ich bringe sie lieber zu dir nach oben”, und solche Situationen.

Warum ich Hanna nicht früher aus den Situationen geholt habe? Warum ich sie überhaupt jedes Mal wieder runter gelassen habe? Weil Hanna das wollte. Zum einen hatten wir nur dieses eine Kind im Haus und sie war halt auch oft draußen, als Hanna in den Garten wollte, zum anderen wollte Hanna das alleine schaffen. Also saß ich mit ihr da und habe über diese Situationen gesprochen. Habe ihr gesagt, dass niemand über sie bestimmen darf, niemand kann ihr sagen, ob sie nach mir rufen darf oder nicht. Ich habe ihr gezeigt, wie sie stehen muss, um ihrem Nein einen klaren Ausdruck zu verleihen. Habe mit ihr darüber gesprochen, dass es überhaupt ok ist nein zu sagen. Habe ihr erklärt, warum manche Kinder überhaupt stänkern, ärgern, anderen Kindern wehtun. Und vor allem habe ich ihr gesagt, dass das ganze nichts mit ihr zu tun hat! Das, was die Kinder sagen, ist nicht wahr! Und ich habe mit ihr geübt. Wie oft saßen wir da und haben solche Situationen, oder potenzielle Situationen einfach durchgesprochen. “Hanna gib mir jetzt dein Teddy! Sonst haue ich dich!”, “Hanna, du spielst jetzt den Hund und du darfst dabei nicht sprechen!” Was würde Hanna darauf antworten? Was sollte sie am besten darauf antworten? Und so haben wir geübt geübt geübt.

Und ich bin mir sicher, dass das (für uns) ein guter Weg ist. Denn wenn ich an meine Situation damals zurückdenke, dann tut mir nicht weh, dass sie mich gekränkt haben. Oder wie sie gemein waren. Sondern mir versetzt einen Stich, dass ich mich nicht gewehrt habe. Mich macht traurig, wenn ich daran denke, wie ich da stand, geknickt, gedemütigt und es über mich ergehen lassen habe. Ich wünschte ich hätte einfach gesagt: Und geht es dir jetzt besser? Eigentlich schade, dass du dich nur freust, wenn du andere beleidigst!

Wir sind alle gleich, niemand hat das Recht andere so zu behandeln und niemand muss hinnehmen, wenn er so behandelt wird! Jeder sollte die Kraft in sich spüren, für sich selbst einstehen zu können!

Gemobbt zu werden ist nicht schön und ich denke, der Großteil von uns hat auch schon erfahren, wie es sich anfühlt, ausgeschlossen worden zu sein. Auch wenn es kein Geheimrezept gibt, es immer Situationen, oder besser gesgat Mobber geben wird, die über alle Strenge schlagen, wo eine gute Portion Selbstwertgefühl einfach nicht mehr reicht, so denke ich, ist genau das ein sehr guter Anfang, um Anfeindungen und Auschluss entgegenzuwirken: Selbstbewusstsein und ein positives Selbstwertgefühl!

Ganz zum Schluß aber noch eine kleine Geschichte, die auch recht aktuell ist. Denn weiter oben schrieb ich schon: körperliche Auseinandersetzungen sind nicht ohne manchmal und können schnell eskalieren. Hier finde ich es besonders wichtig, dass die Kinder sich behaupten, wenn sie dazu in der Lage sind (wenn der andere ein Messer zückt, sieht die Lage natürlich schlechter aus, als wenn er mit Sand schmeißt, oder bedrohliches sagt).

Als Hanna in die Schule kam hat sie schnell neue Freune gefunden. Alles war gut. Nur dieses eine Mädchen. Niemand weiß, was sie hatte, warum sie, nicht nur zu Hanna, so gemein war (meine Vermutung ist aber, dass das Kind Hannas Essen wollte!). Jede Pause hat sie Hanna mit ihrer Brotdose an den Kopf geschlagen. Jeden Tag. Und zwar so richtig. Gemerkt habe ich es, weil Hanna einen Tag mit einer riesen Schramme heim kam. Hanna war bei Betreuerinnen, hat nein gesagt, nichts half (auch weil das so ein typisches “ich lache nett und beteuere, dass ich nichts gemacht habe” Mädchen war, dem meistens geglaubt wird). Also haben wir wieder mit Hanna geübt. Wie sieht ein klares Nein aus? Wie ist die Stimmlage bei einem klaren Nein? Wie kann man mit seinem Körper zeigen, dass man etwas nicht möchte, der andere Abstand halten soll (groß machen und Arm nach vorne ausstrecken). Wir haben mit Hanna vier Stufen eingeübt.

  1. NEIN! klar und deutlich.
  2. LASS DAS, STOP! oder ich werde jemanden bescheid sagen, dass du mir weh tust! Körperlich zeigen, dass man es ernst meint.
  3. Bitte spiele woanders, ich möchte nicht, dass du zu mir kommst/ bei mir spielst/mir wehtust! – jemandem Bescheid sagen
  4. Klar und deutlich vor dem Kind aufbauen, sollte es nochmal hauen, darf sie es wegstoßen. Ich möchte das nicht, lass mich in RUHE! (beide Hände gegen die Schultern drücken, um den Kind nicht weh zu tun, ihm aber zu zeigen, dass es eindeutig viel zu viel ist)

Vor allem das “zurückschlagen” ist natürlich sehr umstritten, aber ich meine, man kann halt nicht immer nur einstecken. Hanna kennt den festen Ablauf dieser Abwehr und würde nie einfach gleich Schubsen. Sie weiß, dass das ein letztes Mittel ist, um sich zu verteidigen, wenn ihr wehgetan wird. Und tatsächlich musste sie das nur einmal machen, seit dem lässt das Kind sie in Ruhe. Körperliche Gewalt ist nicht schön und ich hoffe unsere Kinder können davon so viel Abstand nehmen, wie nur möglich. Aber ich möchte, das meine Kinder für sich einstehen und sich nicht mit Brotdosen hauen lassen müssen, nur weil manche Kinder schlau genug sind die Momente auszunutzen, in denen die Betreuuerinnen nicht hinschauen! Ich möchte, dass meine Kinder wissen, dass sie alleine über sich bestimmen und werten und das niemand sonst ein Recht darauf hat. Ich möchte, dass meine Kinder sich nicht traurig fühlen, wenn jemand gemein ist. Ich möchte, dass sie erkennen, wie traurig das andere Kind eigentlich sein muss.

Ich habe euch von mir und uns erzählt, von meinen Erfahrungen. Vielleicht habt ja auch ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder ihr habt noch andere Tipps, dann teilt sie doch gerne in den Kommentaren! Ich denke bei so einem wichtigen Thema, dass ewig relevant bleiben wird, ist es wichtig sich auszutauschen und zu unterstützen!

Alles Liebe,

eure Jenny

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